Forensische Neuromechanik: Prof. Syn Schmitt
Wie lassen sich Bewegungen simulieren, rekonstruieren und als objektive Beweismittel nutzen? In unserer Fortbildung zeigte Prof. Syn Schmitt von der Universität Stuttgart, wie physikalisch-biomechanische Simulationen nicht nur in der Medizin und Robotik, sondern zunehmend auch in der Forensik an Bedeutung gewinnen. Am Beispiel des sogenannten Badewannen-Mords verdeutlichte er, dass die forensische Neuromechanik neue Wege eröffnet, menschliche Bewegung wissenschaftlich zu analysieren und auf dieser Grundlage gerichtsfeste Aussagen zu ermöglichen.

Die Brücke zur Forensik schlug sich eher zufällig. Ein Rechtsanwalt bat Schmitts Team bereits für die Revision um Unterstützung im sogenannten Badewannen-Mord. In dem Fall war der Hausmeister Manfred Genditzki 2010 wegen Mordes verurteilt worden, nachdem eine ältere Frau tot in der Badewanne gefunden wurde (mehr Informationen finden Sie hier ). Genditzki beteuerte über Jahre seine Unschuld. Rechtsanwältin Regina Rick kontaktierte Schmitt erneut für das Wiederaufnahmeverfahren. Schmitt rekonstruierte gemeinsam mit seiner Forschungsgruppe den möglichen Bewegungsablauf des Sturzes anhand physikalischer Parameter und simulierte hunderte Varianten. Das Ergebnis zeigte, dass die Verletzungen der Frau auch ohne Fremdeinwirkung hätten entstehen können. Das Gericht erkannte die Methode als neue Beweismöglichkeit an und ordnete eine Wiederaufnahme des Verfahrens an. Im Jahr 2022 wurde Genditzki aus der Haft entlassen und schließlich in einer neuen Hauptverhandlung freigesprochen.
In seinem Vortrag beschrieb Schmitt, wie seine neuromechanischen Modelle entstehen. Ausgangspunkt ist nicht die Endlage einer Person, sondern die Berechnung von möglichen Bewegungsverläufen, die zu unterschiedlichen Endlagen führen könnten. Diese Simulationen berücksichtigen die physikalischen Gesetze des Körpers, die Aktivität der Muskeln sowie deren passive Kräfte. So lassen sich Bewegungen rekonstruieren, ohne auf subjektive Einschätzungen angewiesen zu sein. Entscheidend ist dabei, dass die Ergebnisse auf überprüfbaren Parametern beruhen und dadurch objektiv reproduzierbar sind.
Schmitt erläuterte, dass sein Team im Genditzki-Verfahren rund fünfhundert verschiedene Simulationen durchgeführt habe. Nur etwa fünfzig davon erfüllten die physikalischen Bedingungen, die zu den beobachteten Verletzungen passten. Auf dieser Basis konnte gezeigt werden, dass ein Unfallgeschehen möglich war. Die Methode ist nach Schmitts Einschätzung nicht manipulierbar, solange die zugrunde liegenden Annahmen und Messungen offengelegt und die Berechnungen nachvollziehbar dokumentiert werden. Damit unterscheidet sich die neuromechanische Simulation deutlich von klassischen forensischen Gutachten, die häufig auf subjektiveren Bewertungen beruhen.
Darüber hinaus eröffnen die Modelle neue Perspektiven für die Zukunft. Schmitt berichtete von aktuellen Entwicklungen, bei denen virtuelle Realität genutzt werden soll, um Bewegungsabläufe immersiv nachzustellen. Damit könnten komplexe forensische Szenarien für Gerichte und Ermittlungsbehörden verständlicher und transparenter werden. Auch eine Anwendung in Altfällen sei denkbar, da sich Bewegungen allein anhand vorhandener Fotos und Messdaten rekonstruieren lassen.
Zum Abschluss betonte Schmitt die wissenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Methode. Die forensische Neuromechanik könne helfen, Gerechtigkeit auf Grundlage naturwissenschaftlicher Prinzipien herzustellen. Voraussetzung sei jedoch ein sorgfältiger Umgang mit den zugrunde liegenden Annahmen und Messungen sowie eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Forschung, Rechtsmedizin und Justiz. Der Fall Genditzki zeige eindrucksvoll, dass neue wissenschaftliche Ansätze dazu beitragen können, alte Gewissheiten zu hinterfragen und Fehlurteile zu korrigieren.